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Das Mittelalter

Die Drachenheiligen

 „Vor dem Nordwalde", der im Westen von der Leine und im Osten von der Aue begrenzt war, wohnten die ,,Freien". Seit den Zeiten Karls des Großen (768-814) hielten sie die Wacht gegen die heidnischen Wenden, die nördlich des Waldes wohnten'.Auf vorgeschobenem Posten standen Evern und Dolgen. Drüben lauerte der Drache, dessen Bild die Wenden in Fahne und Wappen führten. Hüben erkoren daher die beiden Ortschaften für ihre Gotteshäuser die Drachenheiligen als Schutzpatrone, die sie anriefen, wenn der wendische Drache drohte.

Es waren in Evern St. Georg der Drachentöter und in Dolgen St. Margarete, die mit dem Kreuzeszeichen den Drachen zu Boden schlug. Danach liegt die Annahme nahe, daß schon bald nach der Unterwerfung der Sachsen durch den Frankenkönig Karl die beiden Kapellen entstanden sind' Oder waren sie nicht schon vor der fränkischen Zeit vorhanden? Haben unsere Vorfahren auch von dem Evangelium gehört, das um 600 irische Glaubensboten und im Jahrhundert danach angelsächsische Mönche im Hildesheimer Lande verkündeten? Die Fragen müssen offen bleiben' Immerhin gab es Kapellen bereits in der vorfränkischen Zeit. Die Wurzeln dieser Erscheinung reichen in das 4. Jahrhundert zurück. Damals lebte in der französischen Stadt Tours der hl. Martin. Von ihm heißt es, daß er einem dürftig gekleideten Manne die Hälfte seines Offiziersmantels abgegeben habe. Als der Ritter um seiner Barmherzigkeit willen heiliggesprochen war, gewann der Mantel, in der lateinischen Sprache des Mittelalters mit ,,capella" bezeichnet, eine hohe Bedeutung als Reliquie*, die die Merowingerkönige auf ihren Reisen und Kriegsfahrten mit sich führten. Bald nahm auch der Behälter, in dem der Mantel aufbewahrt wurde, die Bezeichnung ,,capella" an, weil er wie ein Mantel den Inhalt schützend umschloss. So kam es, dass jeder Reliquienbehälter ,,capella" genannt wurde, auch das Gebäude, das sich über einer Reliquie wölbte.

Die Wahl des Drachentöters Georg als Kirchenpatron von Evern deutet an, daß dieser Ort in alter Zeit vor den Dörfern ringsum eine besondere Bedeutung hatte. Daher kam es, daß schon früh die Kapelle zur Pfarrkirche erhoben wurde, sobald das Eigentum ausreichte, um aus dessen Einkünften die Einrichtungen einer Kirchengemeinde - Kirche, Pfarre und Küsterei - zu unterhalten. Das wäre ohne die Hilfe des Grafen Adalbert von Haimar nicht möglich gewesen.

Es war im Jahre 1117. Graf. Adalbert hatte in der Gegend von Wernigerode und Halberstadt umfangreiches Grundeigentum erworben. Dorthin verlegte er nun seinen Wohnsitz. Hoch oben über der Stadt Wernigerode erstand von 1117 bis 1121 eine feste Burg. Das im Umkreis von Haimar liegende Grundvermögen wurde nun veräußert. Der letzte Verkauf erfolgte 1786, in dem das Hochstift Hildesheim das Dorf Evern erwarb.

Adalbert begüterte nicht allein die dortige Kapelle ausreichend, sondern er zahlte außerdem eine Abfindung in Liegenschaften und Geld an die Mutterkirche in Lühnde.

Dieses Gotteshaus war eine Taufkirche, die wohl schon im 9. Jahrhundert wie wenige andere dieses Vorrecht neben der Bischofskirche genoß. Errichtet war sie an der alten Malstätte, dem ,,Hasel" bei Lühnde, und führte daher die Bezeichnung Gaukirche. Es war klug und pietätvoll, an vorchristlichen Opferstätten Kirchen zu errichten. Die seit alters liebgewordenen Stätten halfen der Förderung des christlichen Glaubens.

Im 11. Jahrhundert wurde die Gaukirche Mittelpunkt eines Archidiakonats, dessen Grenzen in weiterem Umkreis die Dörfer umschlossen. Die Leitung hatte der Archidiakon als erster Diener des Bischofs. Er entlastete diesen auf den Gebieten der Verwaltung, Gesetzgebung und Rechtsprechung (Sendgericht). Die Archidiakonatskirche war für den Bezirk Mutter- und Taufkirche bis zur Gründung von Pfarrgemeinden.

Über die Loslösung von Evern führten Graf Adalbert und sein Sohn Berthold die Verhandlungen mit dem

Archidiakon und Bischof Bruning von Hildesheim. Am 11. Mai 1117 kam es zur Gründung der Kirdrengemeinde, wie folgende Urkunde bezeugt:

,,Wir wollen, daß allen Gläubigen Christi kund und zu wissen getan werde, daß Graf Adalbert von Haimar mit Zustimmung seines Sohnes Berthold einen Tausch eingegangen ist gegenüber dem Priester Adalbert an der Mutterkirche in Lühnde. Dem vorgenannten Priester gibt er nämlich 24 Morgen mit einer Hausstelle in Schuttelobeke* und noch eine Mark in Silber zum Gebrauch des erwähnten Priesters Adalbert unter der Bedingung, daß das Dörfchen namens Evern, das zu der vorgenannten Kirche gehört, fernerhin von dort abgetrennt werde und anerkenne, daß es ihr kein Recht mehr schuldig sei außer dem Synodalrecht* und sooft die Notwendigkeit sich ergibt, zum Bau der kirchlichen Gebäude oder zum Ankauf von Gerätschaften beizutragen sich nicht weigere.“
Graf Adalbert fiel daraufhin das Patronat über die Everner Kirche zu. Der erste Geistliche hieß Eberhard.

 

( * Wüste Ortschaft zwischen Groß- und Klein Lobke )
( * Synode (gr.): Kirchenversammlung )

 

Quelle:  Fritz Garbe ,  Die Heimatkirche 

               Aus der Geschichte der Kirchengemeinde Haimar

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