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Die Anfänge des Schützenwesens sind nicht nur in unserer Region durch das „Große Freie“ gegeben, sondern auch bereits vor der Zeit der Freien Kompanien gab es in anderen deutschen Regionen ein Schützenwesen. Besonders in großen Städten wurde viel Wert auf ein intaktes, geübtes Schützenwesen gelegt. Der nachfolgende aus der Historie überlieferte „Lad­brief“ erteilt Zeugnis hierüber.

Der Ladbrief

jede Stadt, die zu einem Schießfest einlud, verschickte sogenannte Ladbriefe. Diese waren in Süddeutschland oft sehr schmuckvoll, in Norddeutschland eher nüchtern gehalten. In diesen Ladbriefen wurden der genaue Termin und die Höhe der Antrittsgelder (Leggeld), die jeder Schütze zu entrichten hatte, benannt. Darüber hinaus wurde genau festgelegt, auf welche Distanz geschossen wurde, z. B. 250 Ellen. Da damals überall unter­schiedliche Längenmaße herrschten, die teilweise sehr voneinander abwi­chen, wurde auf manchen Ladbriefen die Hälfte einer EIle angezeichnet. Wenn man den Text eines Ladbriefs liest, wird deutlich, dass so ein Freischießen für die damaligen Schützen eine sehr ernste Sache war. Beinahe alles ist in diesen Ladbriefen geregelt. Es gibt sogar welche, bei denen der Durchmesser des Armbrustbolzens durch ein verstärktes Loch im Ladbrief festgelegt wurde.

Ganz besonders wichtig waren in jedem Ladbrief natürlich die Preise, die der Magistrat aussetzte. Aber auch Sanktionen und Strafmaßnahmen, die durch Fehlverhalten oder Nichtkönnen hervorgerufen wurden, waren in diesen Ladbriefen genau geregelt.

Die Ladbriefe bestanden entweder aus Pergament oder waren gedruckt. Dann wurde nur noch der Name der Stadt eingesetzt. Die Ladbriefe wurden durch Boten an die Stadtoberen (Stadtrat, Bürgermeister, Magistrat) über­bracht, die sie dann an die Schützengesellschaften und -gilden weitergaben. Oft wurden die Ladbriefe auch verlesen oder öffentlich am Schützenhaus an­geschlagen. Sie wurden oft in großer Zahl verschickt, da man keine Stadt übergehen wollte. Erhielt eine Stadt keine Einladung, so führte dies oft zu lang andauernden Zerwürfnissen.

Die Stadt, die ein Freischießen ausrichtete, tat dies oft nicht aus freien Stücken. Bei jedem großen Schießen wurde am Ende des Festes der Abordnung einer anderen Stadt von einer ehrbaren Jungfrau ein Kranz oder auch Kränzel verliehen. Dieser Ehrenkranz muss deutlich vom sogenannten Schützenkranz unterschieden werden; letzterer wurde durch gute Schießleistung gewonnen. Die Stadt, die den Ehrenkranz erhielt, musste das nächste große Freischießen ausrichten.

Da so ein Freischießen für jede Stadt eine teure Angelegenheit und dadurch

meist mit einem mehr oder weniger großem finanziellen Verlust verbunden war, freuten sich manche Stadtväter gar nicht, wenn ihre Schützengilde den Kranz mit heimbrachte. Allerdings war es fast unmöglich, das Ausrichten eines Freischießens abzulehnen. Dies führte zu großen Spannungen, denn es galt als beleidigend, ja als Schande, wenn eine Stadt, die den Ehrenkranz erhalten hatte, das Schießen nicht ausrichtete. Um Schande und finanziellen Schaden zu vermeiden, wurden im Vorfeld oft umfangreiche diplomatische Gespräche geführt. So wurde vermieden, dass eine Stadt, die gerade schlecht bei Kasse war, das Kränzel erhielt und dann den Anforderungen der Veranstalter nicht gewachsen war.

Der Pritschenmeister

Kein Freischießen fand damals statt, an dem nicht ein Pritschenmeisterzuge­gen war. Pritschenmeister hatten eine doppelte Funktion: Zum einen sorgten sie für den ordnungsgemäßen Verlauf der Schießfeste, zum anderen überzo­gen sie die Leute mit Hohn und Spott. Späße waren zu jener Zeit noch derber und vulgärer. Der Pritschenmeister bezog seinen Namen von der Pritsche. Dies ist eine Art Holzknüttel, der vorne gespalten oder mit Lederstückchen verziert war. Bei seiner Anwendung auf dem Hinterteil „putschte“ es, d. h. es war weithin zu hören, zur Freude der Zuschauer und der Gäste, die den Gepritschten noch mit Hohn und Spott bedachten. Gepritscht wurde ohne Ansehen der Person: Wer z. 8. sein Ziel mehrmals verfehlte, wer den Schießbetrieb störte oder wer durch zuviel Alkoholgenus unangenehm auffiel, wur­de gepritscht. Für diesen Vorgang wurde auf der Festwiese extra eine eigene Bühne errichtet, damit möglichst viele zusehen konnten. Oft war der Pritschenmeister auch Poet. Bei der Preisverteilung bedachte er die Schützen mit Spottversen. Vor allem der schlechteste Schütze, der den Schweinepreis bzw. „Saupreis“ gewonnen hatte, wurde nach Strich und Faden gepritscht und verhöhnt. Bei einem Freischießen in Augsburg 1 509 wurde sogar Herzog Wilhelm IV. von Bayern gepritscht, weil er nichts getroffen hatte. Er ließ dies ohne Murren über sich ergehen. Ein Pritschenmeister verfügte über williges Hilfspersonal, meist freche Burschen, die mit Narrenkostüm, Pfeifen und Ratschen zur Gaudi beitrugen. Ohne einen handfesten Pritschenmeister gab es also im damaligen Sinne kein richtiges Schießfest.

Der Dreißigjährige Krieg und seine Folgen

Die Blütezeit des Schützenwesens ist in dem Zeitraum vor 1600 anzusetzen. Der Dreißigjährige Krieg bildet für den ganzen deutschsprachigen Raum eine schmerzhafte Zäsur. Vor allem Süddeutschland war davon betroffen. Große Landstriche wurden verwüstet, die Bevölkerung auf dem Land und in den Städten auf die Hälfte, in manchen Gebieten sogar auf ein Drittel dezimiert. Hungersnöte und Seuchen kamen hinzu. Mit den Verwüstungen des Dreißigjährigen Krieges geht auch ein Niedergang des Schützenwesens ein­her, viele Schießstätten waren zerstört, die Schützen gefallen. Viele Schützengilden verloren nun die Privilegien, die ihnen die Städte eingeräumt hatten. Durch das Restitutionsedikt von Ferdinand II. wurde das oft beträcht­liche Vermögen der Schützengilden eingezogen.

In der Folgezeit des Dreißigjährigen Krieges, im Absolutismus, setzten die meisten Herrscher aufstehende Heere. Auch die Städte folgten diesem Trend. Daher waren Schützengilden und die Schießfertigkeiten derer Mitglieder nicht mehr gefragt. Gleichzeitig wurde durch eine Fülle von Verordnungen das Schießwesen immer mehr eingeengt. Städte und Herrscher hatten kein Geld und zeigten sich deshalb auch sehr knauserig bei der Stiftung von Preisen, so dass die Motivation für Schützenfeste eher gering war.

Dies änderte sich erst, als die Herrscher den militärischen Nutzen von Bürgern, die im Schießen unterrichtet waren, wiedererkannten. In der Schützenordnung von Kurfürst Carl Theodor (1777-1799) von Bayern und der Pfalz ist vermerkt: „Die in Unseren Chur-Baierischen Landen befindlichen gefreuten Schießstätte hatten bey ihren Entstehen, und seit ihrem bisherigen Daseyn den doppelten Endzweck, daß sich sämmtliche Unterthanen, wessen Standes sie immer seyn mögen, nicht allein zu einer edlen Belustigung im Schiessen üben, sondern vorzüglich, daß sie sich auch ‘im nöthigen Falle zu eignet-, sowie zu des Vaterlandes Verteidigung fähig machen können.“

 Bereits früher verfügte Maximilian 1. von Bayern, dass niemand heiraten dür­fe, der nicht an der Muskete ausgebildet worden war. Auch die Vergabe von

Bürgerrechten wurde von der Schießfertigkeit abhängig gemacht.

Die Schützen sollten sich im Ernstfall selbst verteidigen können und der

Landesverteidigung zur Verfügung stehen.

Quelle:

Aus der Festschrift zum 75 jährigen Vereinsjubiläum des Schützenvereins Evern e.V.

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